Viel zu nüchtern

Ein Experiment, geboren aus einer geselligen Bierlaune heraus:

„Wetten, du schaffst es nicht, völlig nüchtern mit uns eine Nacht durchzutanzen?! Das klingt absolut machbar, dachte ich mir, und so viel sei vorweggegriffen, ist es auch – irgendwie. 

Ein paar Tage später war Wochenende und somit alles gerichtet, um aus den vollmundigen Worten Taten folgen zu lassen. Aber zuerst mussten noch die Spielregeln für alle erklärt werden. Für den Rest der Mannschaft bei einem geselligen Bierchen, für mich bei einem gekühlten Mineralwasser. Denn für die kommende Nacht galt: Kein Alkohol, kein Diskopulver, keine bunten Smarties und nicht mal Hasch zu medizinischen Zwecken war gestattet.

In diesem Moment machte sich ein komisches Gefühl in mir breit. Hatte ich mir da etwa doch zu viel zugemutet? Ach Quatsch! Lächerlich! Was sind schon ein paar Stunden nüchtern feiern?!

Also los! Zum Warmwerden wurde eine kleine Bar direkt an der Spree gewählt. Eigentlich alles wie immer: Entspannte Leute, leckeres Fingerfood, netter Sound und ok, kein Drink, aber sei’s drum.

Nach dem dritten bis vierten alkalischen Kaltgetränk, welches sich meine Truppe freudseelig einverleibte, bemerkte ich erstmals einen Stimmungswechsel. Es wurde mehr gelacht und lauter gesprochen, obwohl man sich doch immer noch genau so weit gegenübersaß. Hätte ich mein Experiment abbrechen wollen, wäre sicher jetzt der richtige Zeitpunkt gewesen.

Noch war nichts passiert, in dem leicht angetüderten Zustand, hätte ich leicht erklären können, dass das doch alles albern und Kinderkram ist. Anschließend hätte ich ihnen zugeprostet und das wär’s dann gewesen. War es aber nicht! Denn schließlich gibt es ja auch so etwas wie Stolz. Und Ehre. Die ich zumindest zu diesem Zeitpunkt noch in mir trug.

Die nächste Station des Abends war nur wenige Taximinuten entfernt und trägt als Tanz-Institution eine Katze als Wappen. Nach ein paar Begrüßungsschnäpsen an der Bar, ausgenommen meiner Wenigkeit natürlich, hieß es erste Tanzversuche zu wagen. Und seltsamer Weise viel mir das viel schwerer als meinen Begleitern. Ruhig Blut. Den leichten Anfall von Panik einfach wegatmen.

Nach weiteren Erfrischungen mit Schuss, die das weggeschwitzte Wasser wieder aufzufüllen sollten, versuchten mich meine Kumpels mit wohlwollenden Worten, nicht ganz ohne Ironie, aufzubauen:

Weiter so! Du schaffst das! Nur noch etwas mehr als 10 Stunden! Prost haben sie nicht gesagt…!

Bei meinen WC-Runden wurde ich allerdings durch große Güte und Menschlichkeit wieder etwas aufgebaut. Schließlich gingen alle zu dritt oder zu viert auf eine Toilette, nur damit ich nicht so lange warten musste.

Mittlerweile war es unmöglich, irgendwelchen Gesprächen zu folgen oder gar daran teilzunehmen –  und das lag nicht an der lauten Musik. Denn interessanter Weise funktionierte die Kommunikation der andern trotz größtem Lärmpegel reibungslos. Mit gelallten Halbsätzen, Gedankensprüngen, schneller als die Basstaktzahl und emotionalen Bekundungen, die völlig aus dem nichts zu kommen schienen.

Längst gehörte ich nicht mehr dazu und war nur noch dabei. Stand daneben und fühlte mich trotzdem tausend Kilometer entfernt. Nicht, dass man mich bewusst ausgegrenzt hätte, gar nicht. Aber an der Tatsache, dass ich mich einsam unter hunderter glücklichen Menschen fühlte, änderte das auch nichts.

Als dann zum Sonnenaufgang nochmal die Location gewechselt wurde und die Feierlust gar nicht abreißen wollte, war ich tatsächlich kurz davor, dass Experiment abzubrechen.

Denn mittlerweile gesellten sich zur steigenden Müdigkeit und Resignation auch passiv-aggressive Tendenzen und Gereiztheit. Fast hätte ich rausgebrüllt: „Schaut euch doch an, wie lächerlich ihr seid, armselig!“ Dank meines wachen Verstandes, konnte ich mich aber zum Glück gerade noch so zurückhalten. Schließlich hing ich hier wie ein trauriger Tropf rum und war die Spaßbremse.

Als ich dann gegen Mittag, mit dem Sieg in der Tasche, ins Bett viel, grübelte ich noch lange nach und fragte mich, was das jetzt eigentlich bedeutet? Zu einem klaren Ergebnis bin ich nicht gekommen. Aber dafür war ich wahrscheinlich auch viel zu nüchtern…

(BK)

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