Douglas Greed: Ich will auf einer Party eine Gänsehaut bekommen und nicht die Partypolizei spielen

Wer mit dem Zug von Berlin nach München oder Frankfurt am Main fährt, den führt der Weg auch schon mal durch Jena Paradies. Und auch wenn es der Paradies-Park gegenüber des Bahnhofs ist, der letzterem den Namen verschaffte, so hat sich doch diese Stadt längst auch für Liebhaber der elektronischen Musik zum (dieser Wortwitz sei an dieser Stelle verziehen) Paradies entwickelt. Denn die kleine Stadt an der Saale beheimatet mit Freude am Tanzen eines der größten und bekanntesten Labels im Bereich elektronischer Musik. Stadt und Label sind seit nunmehr fast 15 Jahren musikalisches Zuhause von zahlreichen Künstlern, die zu den renommiertesten und bekanntesten der Republik gehören.
Einer von ihnen ist Douglas Greed, den wir diesen Freitag zusammen mit den Jungs von Deviant Affections im Hamburger Hafenklang willkommen heißen. Es darf davon ausgegangen werden, dass auf dieser Party nicht viel Zeit und Ruhe sein wird, um mit ihm über all die Dinge zu sprechen, die uns interessieren und daher machte ich mich auf den Weg nach Thüringen und besuchte Douglas in seinem Studio.

Douglas Greed 1Auch eine Stunde Verspätung meinerseits (Danke liebe A9) konnte seiner guten Laune nichts anhaben und während ich versuche, das Diktiergerät in meinem Telefon zu aktivieren, erzählt er mir, dass er deswegen mit seinem Studio in den wuchtigen Industriekomplex gezogen ist, weil über seinem alten direkt das Sozialamt ansässig war und gerne mal die Bedürftigen bei ihm klopften, weil sie sich in der Etage geirrt hatten. Nun residiert und produziert er also hier, und wenn man ganz still ist, dann kann man durch die schwere Betondecke leise Bässe hören – die von seinem Label-Kollegen Monkey Maffia kommen, der eine Etage höher sein Studio hat. Aber für den bin ich heute nicht angereist, sondern für Douglas, und dem halte ich jetzt mein Handy fast ins Gesicht, damit es auch ja nichts verpasst.

Auch wenn die Frage sicher nicht zum ersten Mal von dir beantwortet wird: Wie ist es zu dem Namen gekommen? Greed, habe ich recherchiert, ist im Englischen auch mit einigen negativen Adjektiven behaftet.

Ich bin großer Douglas Coupland Fan, ein kanadischer Autor, der das Buch Generation X geschrieben hat, und wollte mich immer nach einer Romanfigur von ihm benennen und das am Ende mit dem Greed ist nur ein kleiner Scherz für mich. Wenn du es mit „C“ schreibst, heißt es im Endeffekt das Gegenteil, als wenn du es mit „G“ schreibst – Künstlernamen, keine Ahnung, sind Schall und Rauch. Mit „C“ ist es halt ideologische Einstellung, selbstlose Tat und mit „G“ halt der Geiz, Neid, Habgier, …

…aber auch Heißhunger und das passt ja vielleicht.

Ja, das passt vielleicht schon wieder, genau.

Krass, wie viele Autoren es gibt, die Douglas heißen. Ich hätte jetzt an Douglas Adams mit „Per Anhalter durch die Galaxis“ gedacht …

…Danke für den Fisch…

Ja, ich glaube es geht um… wie hieß die Frage, die Antwort ist 92 oder 42…

42, der Sinn des Lebens.

Nicht schlecht. Schöne Überleitung. Die musikalischen Wurzeln, wenn man mal deine Biografie durchschaut, fangen so mit Hip Hop an und wenn man bei dem Namen an sich guckt, bin ich auf ein paar Jahreszahlen gestoßen – aber das muss ja eher angefangen haben…

Also meine erste Techno-Party habe ich besucht am 26.06.1993. Im zarten Alter von 13, 14 Jahren, da hatte mich Vati mit dem Auto hingefahren, und dann habe angefangen Platten zu sammeln und hatte damals im [Name bitte ergänzen] mit Muttis Telefon angerufen und dann wurden am Telefon die Platten vorgespielt, dann konnte ich mich da durchhören. Ja, dann habe ich angefangen Platten zu kaufen und mich als DJ versucht. Ich habe mich zwar immer für House und Techno interessiert, aber hatte mich als Hip Hop DJ durchs Leben geschlagen und hatte eine kleine Hip Hop Band gehabt, eine ziemlich unwichtige. Dann habe ich mich auch für Drum ’N’ Bass und so Sachen interessiert, in Clubs Partys organisiert und seit 2007, glaube ich, gibt es das Douglas Greed Projekt. Ich fand Drum and Bass zu produzieren immer so ein bisschen langweilig, konnte mich so immer in der Electronica-House-Techno-Sache ein bisschen mehr verwirklichen.

Und Douglas Greed ist ja ein Teil eines ziemlich renommierten Künstlerkreises, der sich abseits der sogenannten typischen Szene-Metropolen entwickelt hat. Jena hat Freude am Tanzen und die wiederum haben etliche Namen, die in der deutschen Electro-Szene zu den prominentesten gehören. Also… Jena?

Na das Ding ist, wir haben ja in Jena das Kassablanca, das ist so ein Jugendkulturzentrum. Da haben eigentlich alle Jungs von uns, also alle, die eigentlich bei Freude am Tanzen involviert sind Zivildienst oder ihre Lehre gemacht. Und Spatz, der das Label leitet, der mach auch noch eben dieses Kassablanca und so haben wir uns alle kennengelernt… und hocken da jetzt seit Jahren so auf einem Haufen rum. Und so hatten wir immer die Freiheit, dass wir uns da gegenseitig die Musik vorspielen und uns auslachen konnten.

Wobei mit gegenseitig auslachen sicher auch ein sich gegenseitig beeinflussen einhergeht, oder?

Jaja, klar. Sören, also Monkey Maffia hat hier sein Studio oben drüber, da sitzen wir auch schon ein, zweimal die Woche zusammen und schaukeln uns die Eier und trinken ein Bierchen. Ich meine, das ist natürlich das Schöne an so einer kleinen Stadt. Wenn ich irgend ‘nen Track fertig habe, kann ich einfach rüber ins Casablanca gehen und mir den auf der großen Anlage anhören. Ich kann da auch früh um zehn hin, ich weiß wie die Anlage anzuschalten ist und dann mach ich das halt mal.

Also so ist das dann also entstanden. Quasi aus einem Jugendzentrum heraus.

Kassablanca

Ja na ja. Jugendzentrum kann man schon irgendwie sagen… Ich finde, das hört sich aber irgendwie nach fünfzigjährigen, umgeschulten Hausfrauen an, die sich jetzt um Teenager kümmern. Das ist dann doch eher so ein multikulturelles Zentrum so wie in Hamburg…

…die rote Flora zum Beispiel.

Ja genau. Oder das Hafenklang. Das ist doch auch so was.

Stimmt. Die haben ja sogar so ein Clubkombinat.

Na eben, und so was sind wir halt auch. Wir machen Dark Wave und Punk Konzerte, House, Techno, Drum ’N’ Base, Politabende, Schwulen- und Lesben-Treffs bis hin zu politischen Lesungen und Kino.

Wie stellt sich das denn aus der Innensicht für dich dar? Ich kann mir schon vorstellen, dass doch einige fragen… Äh Jena? Es gibt ja doch eben diese typischen Metropolen und Regionen, denen man durchaus ja auch einen eigenen Sound und eigene Einflüsse zuordnen kann. Ist das in Jena auch so? Und welcher Sound wäre das?

Also ich glaube, ‘nen eigenen Sound haben wir nicht. Wir bereiten ja gerade unser 15jähriges Label-Jubiläum vor und wenn ich da in die Tracks reinhöre, dann ist das nicht unbedingt ein bestimmter Sound. Wir hatten auch vor zwei Jahren einen Sampler zu unserem 50. Release, Freude am Tanzen 50 und da war sogar das Motto: Jeder kocht seine eigene Suppe. Nee, wir haben keinen eigenen Sound, wir sind halt ein Künstlerlabel. Monkey Maffia macht seine eher dubbigeren Sachen, Marek macht seine poppigen Techno-Sachen, Matthias macht eher tooligere Sachen, ich mach… Blödsinn… Also wenn ich auflege spiel ich viel mit Gesang, die Krause Duo Jungs sind ein bisschen rougher… Es hat halt jeder seinen eigenen Sound, es gibt da keinen Jena-Sound, keinen Freude am Tanzen Sound. Wenn du uns an einem Abend mal alle zusammen spielen lassen würdest und jeder macht ne Stunde Musik dann sind da zwischen House und Techno die Beine breit.

Mir ist aufgefallen, das trifft ja auch eigentlich schon auf deine eigenen Werke zu. Deine eigene Musik unterscheidet sich meistens schon etwas von den Remixen, die du für andere Künstler anfertigst, oder täuscht das?

Also KRL ist ja eh ziemlich anders als zum Beispiel die Dancefloor-Tracks die ich sonst so mache. Das ist ja ein Album und ein Album mit 10 Dance-Stücken und einer graden Bassline drunter find ich echt eher langweilig. Ein Album soll für mich ne Herausforderung sein. Ich will dann auch was Neues lernen. Deswegen hat das erste Album auch viele Electronica-Sachen und viel Gesang. Bei dem neuen Album, an dem ich zurzeit sitze, habe ich jetzt auch die Texte selbst geschrieben und viele neue Sachen probiert. Weil ich eben nicht nur ein paar Dancefloor-Butzen zusammenhäkeln wollte. Deswegen klingt das allein schon sehr unterschiedlich. Wenn mich jemand nach Remixen fragt, dann frag ich natürlich schon zurück, was er so in etwa will. Was Electronica-mäßiges oder eher was für den Dancefloor. Und meistens soll‘s halt was für den Dancefloor sein. Und dann mach ich das auch. Das ist auch das Schöne am Remixe machen. Das ist ne ganz andere Arbeitsweise. Du kriegst dann deine Spuren und dann ist das ja eher ne Sample-Arbeit. Das geht dann auch etwas fixer, da komm ich dann auch schneller in so ‘nen Roller rein für so eine Dancefloor-Sache. Dazu kommt, dass der Arbeitsdrang auch eher darin besteht, was zu verändern. Ist nicht so einfach zu erklären…

Und meinst du die Leute kommen zu dir, weil sie dich als Produzenten, den sie zu schätzen wissen, einfach machen lassen und sich überraschen lassen wollen. So nach dem Motto, „Der Douglas Greed, der ist echt’n Toller, der macht da schon was Cooles draus und ich bin mal gespannt, was“ oder kommen die zu dir, weil sie eben doch DEN Douglas Greed-Sound haben wollen.

(lacht) Da müsstest du jetzt wohl eher die Leute fragen. – Nee, ich versteh schon. Also ein Kumpel von mir, der Daniel Stefanik, hat mir gerade gesagt, dass man bei mir immer meine Drum ’N’ Bass Roots raus, das klingt schon eher düster und basslastig. Das ist dann vielleicht mein Sound.

Ich glaube, das wäre auch meine Einschätzung. Ich glaub nicht, dass ich jetzt auf Anhieb jeden Douglas Greed Track erkennen würde aber generell würde ich die auch eher als sehr deep und tatsächlich auch mal düster beschreiben. Aber gerade bei den Remixen geht’s ja dann auch etwas gute Laune mäßiger zur Sache.

(lacht wieder) Ja, das darf dann auch schon mal sein. Also bei nem Remix geh ich meistens so ran… Ich hör mir erst den Track an, dann entscheide ich, ob ich ‘nen Remix machen will oder nicht, und wenn ja, lass ich mir die Spuren schicken. Dann hab ich meistens die Prämisse, dass ich alles wegschmeiße bis auf drei Spuren. Dann lösch ich das Original und hör mir das auch nicht mehr an und geh dann von da aus irgendwo hin. Wenn da jetzt zum Beispiel ein poppiger Gesang ist, dann versuch ich auch was zu bauen, was da hin geht, aber trotzdem gleichzeitig auch was Neues zu machen. Und genau deswegen läuft‘s auch manchmal davon weg, was der Douglas Greed Sound wäre. Da kommt dann vielleicht auch mehr Pop raus. Weil ich es halt spannend finde, nicht den Track mit auf ne Reise zu nehmen sondern mich von dem Track mit auf ne Reise nehmen zu lassen… Oh, das war schön. Das hab ich gut gesagt. (grinst)

Das war ein schöner Satz.

Das war ein schöner Satz! (lacht)

Zum ersten Mal gesagt?

Zum ersten Mal gesagt!

Ach wie schön.
Und weil der Satz so schön war, möchten wir von euch wissen: Welchen Track oder Remix von Douglas findet ihr am tollsten. Unter allen Teilnehmern verlosen wir 2×2 Gästelistenpplätze!
In deiner Diskografie ist uns das Release „When A Man Sings On A Track“ von 2012 aufgefallen, das du selbst veröffentlicht hast. Die Lyrics sprechen – im wahrsten Sinne des Wortes – für sich, mit anderen Worten und Augenzwinkern: die sind die Meinungen von Kritikern oder Musikanalysten sind dir egal oder beschränkt sich das auf Männer-Vocals in Tracks?

Das ist auf alle Fälle ein Augenzwinker-Track und ist eigentlich eher ein Fingerzeig an die Musik-Nerds, die auf die Party kommen und sich in die erste Reihe stellen… und da stehen bleiben und gucken – statt zu tanzen. Das ist auf jeden Fall ein riesiges Augenzwinkern und als ich das Ding geschrieben hatte, war mir klar, dass es Leute gibt, die den Track zum Kotzen finden. Aber das ist auch das Schöne daran…

Gab es da überhaupt viele Leute?

Ich habe schon ein paar Meinungen mitbekommen, aber das ist auch schön, weil es genau die Leute sind, an die sowas gerichtet war. Es gibt halt einfach so Leute, die sich den ganzen Tag über Musik unterhalten und zur Party gehen, um nur zu gucken und über Musik zu quatschen. Das ist nicht der Ansporn, den ich habe, um Musik zu machen oder wenn ich abends weggehe. Ich will auf einer Party eine Gänsehaut bekommen und nicht die Partypolizei spielen.

Am 20. spielst du bei uns „live“ und das mit Sänger und Perkussionisten, also Live-Band?

Douglas Greed 2

Das ging los mit dem Album KRL bzw. Ich fand es irgendwann langweilig einer von diesen Laptop-Live-Acts zu sein, ich wollte mehr machen und hatte dann einen Perkussionisten und eine Sängerin für mein Album. Und nun zu dritt haben wir auch eine andere Energie auf der Bühne und wenn man auf Tour ist, kann man sich auch mal gegenseitig in den Arsch treten.

Und was können wir erwarten?

(lacht) Party..! (lacht weiter) Also wir haben sowohl ein Club- wie auch ein Konzert-Setup, bei euch wird es dann wohl eher ein Club-Gig werden.

Douglas, Danke für das Interview und bis Freitag.

 

Und wer sich schon mal auf morgen einstimmen will, dem sei das neue Set von Douglas ans Herz gelegt, welches er pünktlich kurz vor der Party fertig gestellt hat!

 

Douglas Greed @ soundcloud

Douglas Greed @ facebook

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